Langeweile habe ich nicht

Wenn ich Zeit habe, keine Therapie ansteht, kein Besuch angemeldet ist, das Telefon still bleibt… dann gehe ich in das Wohnzimmer des Wohnbereichs.

Dort kann ich immer jemanden treffen. Meist sitzen mehrere demente Bewohner dort und starren Löcher in die Luft.

Dann rolle ich zu Frau G., die fast immer an der selben Stelle sitzt und streichele ihre Hände. Sie liebt diesen Körperkontakt und stellt dann immer die Temperatur meiner Hände fest. Kalt – sie schüttelt sich und versucht sie mit den eigenen, meist kalten Händen zu wärmen – oder warm – oh! wie schön! so warm! – was eher selten ist. 😉

Dann wollen auch die anderen Bewohner, dass ich ihre Hände streichele.

Mit einem Mal sind alle wach!

Letztens sah ich zum ersten Mal Frau S.. Bisher hatte ich sie nur immer gehört. Sie jammert immer lautstark: „Aua! Aua! Aua! Aua! Aua! Aua!…“, hat aber eigentlich keine Schmerzen, will nur Aufmerksamkeit. Bisher wusste ich nie so genau, ob ich den Äußerungen der Pfleger glauben kann. Doch nun habe ich sie gesehen und erlebt. Ja, ich glaube es!

Sie ist sehr willensstark, resolut, widerborstig. Sie redet laut, schimpft laut, gibt laut bekannt, dass sie ausziehen will, dass sie ja eigentlich gar nicht hier sein will!

„Wieso?“, sage ich zu ihr, „hier ist es doch ganz schön.“

„Ich brauche zwei Zimmer! Ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer!“, sagt sie laut und bestimmt.

„Na ja“, meine ich, „und dann brauchen Sie noch ein Zimmer für jemanden der Sie pflegt… und viel Geld! Das kostet alles viel Geld! Da müssen Sie schon reich sein!“

Nachdenklich geworden ist sie plötzlich ganz still. (Oh Wunder!)

„Dann bleiben Sie doch besser bei uns!“, sage ich, „Hier ist es doch eigentlich ganz schön! Sie dürfen dann nur nicht mehr so laut jammern! Das ist immer ganz schrecklich!“

Das raubt mir, den anderen Bewohnern und dem Personal echt den letzten Nerv!!! Das dachte ich nur, sagte es nicht.

13 Kommentare zu „Langeweile habe ich nicht

  1. Ich wollte Dich die ganze Zeit schon einmal fragen, warum auf Deinem Blog ganz oben auf der Seite „Birgit Bauers MS Blog“ steht? Kann ich das irgendwo bei Dir nachlesen oder möchtest Du mir das erklären?
    Hab‘ ein schönes Wochenende und die Nächte hoffentlich mit etwas weniger Gejammer von den Nachbarn wünscht Dir, liebe Katrin, die ♥ Pauline ❤

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  2. Das macht Sie wertvoll.
    An Ihre „Anderen“ zu denken , Zuneigung und Aufmerksamkeit…….ja zu verschenken.
    Ihnen die Hand zu reichen ..zu wärmen. Je mehr Sie davon geben, je mehr bekommen Sie zurück,
    auch wenn diese Menschen es nicht so ausdrücken können.
    Wir wissen es und sagen es Ihnen gerne.
    Schöne Art zu entdecken.
    Wie gerne lese ich soetwas.

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  3. Mir gefällt sehr, dass Du den Menschen in Deiner Umgebung auch ganz viel gibst. Das ist nicht selbstverständlich. Ein bisschen Aufmerksamkeit tut vielen so gut. Das habe ich auch immer beobachten können, wenn ich meine Großmutter besuchte und mich hier und da auf ein Schwätzchen mit Fremden einließ.

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  4. Ach, liebe Katrin,
    t`schuldigung ! Mein Sermon über die Zustände in Heimem – forget it ! Was ich unbedingt nachholen muss – dir zu sagen, wie sehr ich deine Empathie, Sensibilität und deine subtilen Geschichten schätze !!!!!
    Wie sehr habe mir gewünscht, dass meine Mutter auch im Tersteegen-Haus wäre. – bei mir in KR !! Im Vorfeld hatte ich mir 2012 euer Haus angeschaut, vor einem abendlichen Jazz/Rockkonzert in der Fabrik Heeder. Aber meine Mutter wollte nicht. Das Heim in MG liegt ein paar Häuser weiter von ihrer früheren Wohnung. Ok. Mein Mann und ich besuchen sie jedes Wochenende. Meine Anspannung, Sorge ist trotzdem nicht gewichen. Das Schlimmste ist, wenn ein alter Mensch Depressionen und Panikattacken hat – und – den eigenen geistigen, und physischen „Verfall“ b e w u s s t noch wahrnehmen kann!!! Vielleicht ist völlige Demenz eine Gnade. Ich will nicht polemisch werden. Das Pflegepersonal ist in diesem Fall oft hilflos.Aber eine kenianische Pflegerin, die ich sehr mag, kümmert sich, informiert mich.
    So – wollte dich eigentlich nicht mehr mit meinem Mama-Sorgen-Frust behelligen. Hab´Nachsicht mit mir. Dir zu schreiben entlastet mich ungemein. Aber nie auf deine Kosten soll es sein.
    Wenn ich bedenke, könnte ich auch mit meinen 65 Jahren schon in diesem Wohnzimmer sitzen.. Zukunftsangst und Spaß beiseite.
    „Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft“ (Salvaldor Dali)
    „Vielleicht gibt es schönere Zeiten – aber diese ist unsere“ (Jean-Paul Sartre)
    „Alles wird besser – nichts wird gut“ (Oskar Wilde)
    In diesem Sinne, bzw. Sinnen
    Gaby

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    1. Liebe Gaby,
      danke für deinen ausführlichen Kommentar! Es tut mir sehr Leid, dass deine Mutter dir so viele Sorgen macht. Prima, dass du dich etwas entlasten kannst, wenn du mir schreibst. Vielleicht magst du mir mal an meine E-Mail-Adresse schreiben. Das wäre dann etwas privater. Ich schicke dir mal eine Mail.
      Liebe Grüße
      Katrin

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  5. Hallo Katrin,

    da sieht man wieder, wie wichtig Zuwendungen und Aufmerksamkeiten gerade auch für demente Menschen sind! Für diese Menschen, die ja irgendwann in ihrer eigenen Welt leben, sind Streicheleinheiten und Aufmerksamkeiten ,,ihr Draht zur Außenwelt!“

    Du siehst an Frau S., wie ruhig sie geworden ist, als Du sie angesprochen hast.

    Liebe Grüße

    Dieter

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