Schmerzhafte Erkenntnis

Als ich am Samstag nach meinem E-Rolli-Ausflug frierend ins GTH zurückkehrte, landete ich auf der Suche nach einer heißen Tasse Tee im kleinen Speisesaal des Wohnbereichs.

Es ist ganz unterschiedlich, wie viele Bewohner dort anzutreffen sind. Da viele Bewohner am Wochenende Besuch haben oder auf Besuch außer Haus sind, war es recht sparsam besetzt dort.

An einem Tisch saß eine Bewohnerin, die ich sehr sympathisch finde. Da ich gehört hatte, dass sie demnächst ins Krankenhaus müsse, setzte ich mich zu ihr. Ich wollte von ihr hören, was los sei.

Eigentlich sah sie nicht krank aus. Im Gegenteil. Sie strahlte und unterhielt sich ganz angeregt mit mir. Sie warte auf ein Taxi, sagte sie.

„Ob der das vergessen hat? Er wollte um drei Uhr kommen und jetzt ist es schon fast vier!“ Sie blickte mich sorgenvoll an.

„Da müssen Sie mal die Schwester fragen“, meinte ich.

Dann ging eine Pflegekraft vorüber und ich fragte sie: „Frau K. wartet auf ihr Taxi… schon seit 15.00 Uhr… ob sie wohl vergessen wurde?“

Die Helferin lächelte und schüttelte den Kopf. Sie ging weiter.

Dann kam eine examinierte Pflegerin. Ich mag sie sehr, halte viel von ihr. Also stellte ich die Frage erneut.

Auch sie lächelte milde und schüttelte den Kopf. Dann zog sie einen Stuhl heran und setzte sich zu uns.

„Da kommt kein Taxi“, sagte sie und nahm Frau K.s Hände.

Dann entwickelte sich das Gespräch so, dass auch ich Laie erkannte, was Sache war.

Lupo  / pixelio.de
Lupo / pixelio.de

„Aber ich muss doch nach Hause!“, sagte Frau K. verzweifelt.

„Sie sind hier zu Hause“, beteuerte die Pflegerin, „Ihr Zimmer ist gleich hier um die Ecke“, und sie zeigte hinter sich. „Heute Abend kommt bestimmt Ihre Schwester. Gestern war sie ja verhindert aber heute kommt sie bestimmt!“

„Aber… … …ich wohne doch auf der Uerdinger Straße…“

Irgendwie tat sie mir Leid. Ich hatte bisher nicht erkannt, dass auch sie an Demenz litt. Das war ein richtiger kleiner Schock für mich. Sie wirkte auf mich doch immer so adrett, gebildet, körperlich zwar schwach, geistig aber voll da. 😯

Nicht umsonst heißt es, das Gehirn gleicht den Verlust an Nervenzellen lange aus. Die Forschung geht davon aus, dass bis zu den ersten Symptomen bis zu drei Jahrzehnte vergehen können.

Um so schwieriger ist das Erkennen einer Demenz, wenn man den Patienten noch nicht lange kennt und auch nicht zum geschulten Fachpersonal gehört.

So musste ich also in den letzten Wochen sehen, wie sich die Demenz dreier Bewohner, die mir ans Herz gewachsen waren, entwickelte und stärker wurde. Nicht so einfach für mich.

Wegweiser-Demenz

Demenz Wohngemeinschaft

21 Kommentare zu „Schmerzhafte Erkenntnis

  1. eine sehr interessante Geschichte und ich bin sehr angetan von deiner Art damit umzugehen. Auch die Kommentare deuten auf viel Verständnis und Mitgefühl, was mich persönlich sehr froh macht. Als ehem. Betreuungskraft im Demenzbereich habe auch ich das Gefühl gehabt, mit ganz viel Aufmerksamkeit, Toleranz, kreativen freundlichem Humor einige brenzlige Situationen mit leiten zu können und auch demente Bew. behutsam und bedachtsam zu unterstützen. so wird wohl langsam aber sicher das Thema öffentlicher und das ist gut so.
    DANKE 🙂

  2. Möchte ich da mal was dazu sagen. Ich betreue überwiegend schwer Demente auf einer teilgeschützen Station in einem Seniorenwohnheim. Den meisten geht es sehr gut, es gibt ja sehr viele Formen dieser Erkrankung. Wer leidet sind die Angehörigen. Die sind hin und her gerissen zwischen einst und jetzt, und können oft den Ist- Zustand nicht akzeptieren. Da wird z.b. beim Essen darauf beharrt mit Messer und Gabel zu essen, was der Betroffene aber nicht mehr kann, wohl aber kann er mit den Fingern essen! Und das unterstütze ich, er KANN noch etwas selber! Essen vollständig eingeben kommt noch früh genug im Endstadium.
    Wir sind überwiegend ein lustiger Haufen, wobei es natürlich auch Tage gibt, an denen man meint, man wär im Kindergarten und alle hauen sich im Sandkasten mit der Schaufel auf den Kopf.
    Wenige „meiner“ Bewohner wollen dauernd nach Hause, das kommt auch vor, da müssen sie entweder zu ihren kleinen Kindern oder zu ihren Eltern, die sonst schimpfen, wenn sie so lange aus bleiben. Da braucht es dann Fingerspitzengefühl und lange Gespräche um sie von dieser Insel, die in ihrem Kopf gerade aktuell ist, wieder abzuholen. Ich biete Ihnen ein Bett an, versuche „telefonisch“ Bescheid zu geben usw.
    Manchmal bekomme ich dann zu hören: Kind so spät ruft man niemanden mehr an! Ich: ja, du hast Recht! Gut dass du mir das sagst, sonst wäre ich noch ins Fettnäpfchen getreten.
    Und auf Umwegen lösen wir solche Situationen positiv auf.

    Ich versuche das Gefühl zu vermitteln gebraucht zu werden. Stelle mich auf Ihre Stufe auf der sie gerade sind, so dass sie sich verstanden fühlen. Auch in der fortgeschrittensten Demenz hat ein Mensch noch sehr gute Antennen für Gefühle, das merke ich sehr oft.
    Mit Liebe kann man so viel erreichen. Und zuhören, oder einfach da sein.
    Deshalb hab ich sie auch alle lieb, meine „Nebenfamilie“.
    Wir singen, lachen, tanzen und manchmal beschimpfen wir uns auch.
    Wie im ganz normalen Leben 😊

  3. Meine Mutter starb an Alzheimer, da war sie, hm 66.Die Diagnose kam etwa 4.5 Jahre vor ihrem Tod. Schlimme Krankheit, mein Vater kümmerte sich so gut um sie. Aber ich sage heute meiner Familie. Wenn ich das gleiche bekomme, gebt mich ins Heim. Macht euch nicht mit meiner Pflege kaputt.
    Für dich hoffe ich, dass du vielleicht irgendwann in ein Pflegeheim mit jüngeren Patienten kannst!

  4. So etwas macht immer betroffen – und hilflos. Ich habe es bei meinem Stiefvater erlebt, was hat meine Mutti durchmachen müssen (inzwischen ist er nicht mehr unter uns).
    Ich kenne einen ganz netten Herren aus Kindertagen, wir wohnten in einem Block. Wenn ich ihm heut in der Stadt begegne, dann grüßt er freundlich, er lacht. Doch irgendwie erkannte er mich nie. Bis ich erfuhr, dass er Alzheimer hat. Immer schwer gearbeitet und nun im Alter hat er nichts mehr von seinem Ruhestand, kann ihn mit seiner Frau nicht so genießen, wie sie es sich sicher immer vorgestellt haben.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

  5. Ziemlich bitter für Dich, liebe Katrin. Da brauchst Du immer mal ein wenig Abstand, indem Du einfach auf Dein Zimmer flüchtest oder mit Deinem Rolli abhaust. Ansonsten wünsche ich Dir starke Nerven für die Zukunft, denn solche Situationen wirst Du noch sehr oft erleben.
    Hab einen guten Abend und sei von Herzen gegrüßt von der ♥ Pauline <3

  6. Ich hasse diese Krankheit … Ich hasse und fürchte sie …

    Meiner Mutter wurde Alzheimer diagnostiziert, da war sie Mitte 50 (frühe 90er Jahre). Damals, hieß es, könne man diese Diagnose erst nach Obduktion bestätigen. So wurde sie 13 Jahre lang als Alzheimerpatientin behandelt und ich habe das nie geglaubt, kam aber gegen meine Familie (mit vielen Ärzten darunter, die von Psyche nichts hören wollten. „Deine Mutter ist doch nicht verrückt!“) nicht an. Nach ihrem Tod erst kam die Gewissheit: kein Alzheimer, sondern schwere Depression (wie ich vermutet hatte).

    Ja, ich hasse diese Krankheit und jene Menschen, die es sich einfach machen und vorschnell diagnostizieren.

    Merke: Es kann, muss aber nicht immer Alzheimer sein.

  7. Liebee Katrin, das ist sehr traurg. Ich kenn mich leider nicht aus damit; aber ich wünsche Ihr trotzdem alles Gute.
    Hoffentlich trifft es sonst niemanden,den wir kennen.
    Es ist schlimm dement zu sein bzw. zu werden.(:

  8. Diese Krankheit ist einfach schlimm. Für dich wieder ein Mensch weniger, mit dem du dich „normal“ unterhalten kannst. Das tut mir sehr leid. Ganz schlimm ist es, wenn die Demenz vertuscht wird, wie hier im Ort bei der Frau eines lokalpolitisch sehr bekannten Mannes. Jeder weiß es, aber der Ehemann streitet es ab. Dabei hat sie schon des öfteren Hilfe gebraucht. Auch ihm wäre bestimmt mehr geholfen, wenn er die Krankheit akzeptieren würde.

  9. Ja, das kann ich mir vorstellen, dass man da traurig wird. Demenz ist eine so heimtückische Angelegenhheit. Ich kenne bisher niemanden in meinem Umfeld, aber ich habe viel darüber gelesen und im Fernsehen mitbekommen, da wünscht man sich wirklich, davon verschont zu bleiben.
    In einem Altenwohnheim hingegen wird es wohl schwer sein, dem auszuweichen und wenn die betreffenden Personen kennt ist das umso trauriger.
    ♥liche Grüße

  10. Liebe Katrin,
    das ist nicht einfach, einmal für den Betroffenen, aber auch für alle, die mit ihm zu tun haben. Ich erinnere mich, dass ich bei einem Menschen, von dem wir nicht wussten, dass er betroffen ist, leicht ungeduldig wurde, wenn er immer wieder die gleichen Fragen stellte und zuletzt sogar richtig ärgerlich wurde, wenn man nicht sofort anwortete.
    Ich wünsche dir viel Kraft!
    Herzliche Grüße
    Regina <3

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