Am Abendbrottisch

Die Besetzung der Bewohner an meinem Tisch hat sich mittlerweile drastisch reduziert. Waren es noch sechs Bewohner (mit mir), als ich einzog, sind es nun, anderthalb Jahre später, nur noch vier, manchmal gar nur drei.

Zuerst blieb Frau V. zu jeder Mahlzeit oben auf ihrem Wohnbereich.

Dann seit kurzem fehlt Frau M., die zur Überwachung ihrer Ess- und Trinkgewohnheiten ihre Speisen und Getränke auf ihrem WB einnehmen muss.

Auch Frau W. baut in letzter Zeit sehr ab und bleibt oft oben.

So saßen wir letztens abends also nur zu dritt am Tisch. Da die beiden Freundinnen Frau M. und Frau W. fehlten, war es sehr ruhig, sehr still.

Um ein Gespräch anzukurbeln, fragte ich die beiden verbliebenen Seniorinnen nach ihrer alten Heimat und der Anzahl ihrer Geschwister. Da tauten sie auf, belebten sich, schienen plötzlich um Jahre jünger.

Frau S. kommt ursprünglich aus Westpreußen von einem Gutshof. Sie war die Älteste von sechs Geschwistern. Da der Vater in den Krieg ziehen musste, blieb die Mutter mit den sechs Kindern allein auf dem Hof und musste dann auch allein mit den Kindern in den Westen fliehen. Da musste Frau S. als Älteste ihre Mutter tatkräftig unterstützen. Das waren schwere Zeiten! Doch sie überlebten alle. Mittlerweile sind drei gestorben. Aber drei Schwestern leben immer noch!

Frau K. kommt von einem Oppumer Milchhof. Sie hatte drei Geschwister. Davon leben noch eine Schwester und Frau K.. Auch ohne Flucht war die Kriegs- und Nachkriegszeit eine schreckliche Zeit. Auch Frau K.s Geschwister überlebten diese grauenhafte Zeit alle.

Bei beiden Frauen stellt sich heraus, dass die Frauen am zähsten waren. Die Brüder (je einer) starben als erste (nicht im Krieg).

Was die Menschen in dieser harten Zeit durchleben mussten, kann sich meine und die noch jüngere(n) Generation(en) nicht vorstellen. Um so wichtiger ist es, den Überlebenden zuzuhören, sie erzählen zu lassen.

Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland

6 Kommentare zu „Am Abendbrottisch

  1. Liebe Katrin,
    ich mag es auch sehr, wenn ältere Menschen von früher erzählen. Wie sonst sollen wir erfahren, was unsere Vorfahren so gemacht haben (außer dem, was wir aus Geschichtsbüchern wissen). Es tut ihnen gut zu erzählen und uns zuzuhören! Die Menschen im GTH haben Glück, dass du bei ihnen bist!
    Herzliche Grüße am Abend
    Regina <3

  2. Unsere Geschichte, auch wenn wir sie nicht selbst erlebt haben, darf einfach nicht vergessen werden.
    Ich bin immer wieder fassungslos, wie wenig meine 18 oder 19jährigen Schüler noch über die DDR wissen. Während ich meine Lücken fülle, die ich ja im Westen groß geworden bin, stößt die eigene Geschichte über deren Eltern und Großeltern oft auf Desinteresse. Aber es gibt auch die anderen, die sich interessieren und von denen ich noch lernen kann.

    LG in deinen Tag,
    Anna-Lena

  3. Es hat den beiden sicher sehr gut getan, von der damaligen Zeit zu erzählen. Ich habe eine 87-jährige Bekannte, die fast nur noch in der Vergangenheit lebt. Sie genießt es, wenn ich sie besuche und ihr einfach zuhöre. Das sind ja auch Zeitzeugen, die langsam aussterben. Ich finde, es ist wichtig, nicht nur aus Büchern, sondern auch aus persönlichen Erfahrungen dieser Menschen von der schimmen Kriegs- und Nachkriegszeit zu hören.

  4. Danke, Katrin, fürs Erzählen. Es ist so wichtig, die Erlebnisse dieser Zeiten, die ja unsere Geschichte darstellen, immer wieder zu erzählen. Ich versuche es auch, in meine Geschichten immer mehr einzubinden und oft bekomme ich dann Fragen/Mails/Kommentare jüngerer Leser, die das nicht wissen und auch fast nicht glauben können. Gerade jene Alltagserlebnisse aus Kriegs- und Nachkriegszeiten. Sie sollten nicht vergessen werden.
    Lieber Gruß
    Elke

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