Würdevoll altern

Wir saßen alle unten am Mittagstisch im Speisesaal. Es war Samstag, der Suppen- oder Eintopf-Tag. Wir hatten alle Hühnersuppe bestellt. Die ist immer sehr lecker.

Aber einer fehlte. Frau M. war noch nicht da. Eine Dame von der Hauswirtschaft telefonierte mit dem Wohnbereich, um sich nach ihr zu erkundigen.

Wir anderen vier löffelten genüsslich unsere Suppe, da kam ganz zögerlich Frau M. in ihrem Rolli angefahren.

Sie beugte sich verschwörerisch zu ihrer Freundin Frau W. herüber und sagte: „Hömma… die ham mir gesagt, ich soll zum Essen kommen… wat is dat denn jetz… Frühstück?“

Frau W. kicherte. „Was weiß denn ich?! Aber Suppe zum Frühstück… das glaube ich nicht.“

„Ach… Suppe…?“

„Das ist Mittagessen“, sagte Frau S. empört.

„Wat ham wer denn heute fürn Tach?“

Frau W. kicherte wieder. „Was weiß ich?!“

„Ach, dat is furchbar mit dem alt werden… „, meinte Frau M. und fasste sich an den Kopf. „Was bin ich froh, dass ich früher all die Reisen gemacht habe! … Jetzt geht da oben alles durcheinander…“

„Ich weiß, was du meinst“, stimmte ihre Freundin zu.

„Aber hier ist es ganz schön. Hier sind wir gut aufgehoben“, meinte Frau M..

„Das stimmt“, sagte Frau W..

Die Lüge vom schönen Altern

Young@Heart „Fix You“

Nichts für Feiglinge

6 Kommentare zu „Würdevoll altern

  1. Wir haben meine Schwiegermutter heute mit 93,5 Jahren von ihrer seniorengerechten Wohnung in ein sehr schönes Zimmer gleich nebenan ins Pflegeheim gebracht, weil es wirklich nicht mehr anders geht.
    Im Aufenthaltsraum saßen einige ältere Menschen, bei deren Anblick sich mir das Herz zusammenkrampfte. Das hatte mit Würde nichts mehr zu tun, sondern sah eher nach Dahinvegetieren aus.

    1. Man muss aufpassen, dass man nicht nur das sieht, was einen im bereits vorgefassten Urteil bestärkt.
      Natürlich ist kein Heim nur toll.
      Genau so wenig gibt es nur ‚Verwahranstalten‘.
      Es ist wie überall im Leben. Es gibt nicht nur schwarz und weiß.
      Lass dir etwas Zeit, mit der neuen Situation ‚warm‘ zu werden. Deine Entscheidung, die Mutter in ein Pflegeheim zu bringen, war bestimmt nicht ‚einfach so‘ getroffen. So habe ich dich hier nicht kennen gelernt. 😉

  2. Meine Güte, wenn ich das so lese, dann wird mir irgendwie ganz schlecht.
    Nicht über deine Erzählungen, sondern über den Gedanken, der sich daraus für mich entwickelt. Ich bin jetzt 65 Jahre alt und noch fit im Kopf. Körperlich leider nicht mehr so ganz, aber alles noch auszuhalten !
    Aber ich habe doch schon Angst davor, dass es mir mal so gehen könnte wie deiner Frau M , Aber der Gedanke ist für mich unerträglich, aber möglich. Und das beunruhigt mich manchmal.
    Trotzdem finde ich es schön, wie du darüber schreibst, menschlich irgendwie und eigentlich klingt sind deine Schilderungen humorvoll.
    Ich lese sehr gerne bei dir und habe mir und hoffe, deinen Filmbeitrag auch sehen zu können.
    ♥liche Grüße
    Jutta

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