Wenn man nichts sieht, ist Fühlen keine Schande

Ich saß allein mit Frau S. am Abendbrottisch im Speisesaal. Die anderen hatten uns im Stich gelassen.

Frau W. war abgemeldet. Sie wollte oben auf dem Wohnbereich essen.

Frau V. ist schon seit geraumer Zeit im Krankenhaus.

Frau K. war nur zum Mittagessen unten. Ihr ging es nicht so gut.

Und Frau M. war auch nicht da.

I. von der Hauswirtschaft erkundigte sich also per Telefon auf den einzelnen Wohnbereichen nach den  Damen.

Noch während sie telefonierte, kam Frau K. mit ihrem E-Rolli. Ganz ungewöhnlich, dass sie erst um 18.15 Uhr auftaucht. Meist ist sie schon vor 18.00 Uhr da.

„Die wollten mich gar nicht nach unten lassen..“, erzählte sie. „Mir ist nämlich den ganzen Tag schon so schwindelig…“

Das Wetter ist momentan auch sehr anstrengend für den Kreislauf. Es macht vielen zu schaffen. Mit einem Mal sind es nämlich wieder 15 °C, es regnet und windet. Das Mitte Dezember… 😯

Dann erschien R. von der Hauswirtschaft und schob in zügigem Tempo Frau M. mit ihrem Rolli in den Saal und an ihren Platz. Sie sah noch ganz mitgenommen aus, lachte aber herzhaft, als sie an ihrem Platz am Tisch saß.

Dann fasste sie mit beiden Händen an ihre Schläfen, schaute von rechts nach links, fasste wieder an ihren Kopf.

R. entfernte sich schon wieder. Er war oben zum Küchendienst auf dem Wohnbereich eingeteilt.

„Hömma!…“, rief Frau M., „Hömma! Komm noch ma zurück!“

R. drehte sich um: „Meinen Sie mich?“

„Ja. Komm ma her!… Ich fühl mich ja ganz nackt!…“, ihre Hände fassten wieder an ihre Schläfen, „bringste mir noch meine Brille?“

Zu uns gewandt: „Der kam so schnell in mein Zimmer, hat mich holterdiepolter abgeholt und schon gings los!“

„Es war ja schon spät und ich wollte, dass Sie noch etwas zu essen bekommen! Heute müssen Sie ausnahmsweise mal ohne Brille essen. Ich muss oben weiterarbeiten. Außerdem: Wenn man nichts sieht, ist Fühlen keine Schande!“ 😀

Er ging hinter sie, umarmte sie, nahm ihre Hände und führte diese an ihr Gedeck: „Hier ist die Tasse… hier der Teller…“

Frau M. lachte gequält.

„Und hier ist I.“, sagte I., lachte, umarmte Frau M. ebenfalls und meinte dann: „Ich hole Ihnen jetzt erst mal was zum Abendbrot!“

Frau M., die eigentlich sowieso kaum etwas sieht (warum braucht sie eigentlich eine Brille?) war hin und her gerissen zwischen Glück und Leid weil sie so viel Zuwendung bekam und weil ihre Brille fehlte.

R. war weg. I. brachte das Abendbrot.

Da erschien R. plötzlich wieder. Er lächelte verschmitzt.

I. sagte zu Frau M.: „Ah! Da kommt ihr Engel!“

„Wie? Was? Wo?“, ganz konfus drehte sich Frau M. in alle Richtungen.

„Ich bringe Ihnen Ihre Brille!“, sagte R. und setzte Frau M. die Brille auf.

Ein glückseeliges Strahlen breitete sich auf Frau M.s Gesicht aus. 🙂

„Ja, aba hömma, wenn man nix sieht, is Fühlen keine Schande!“ 😀

5 Kommentare zu „Wenn man nichts sieht, ist Fühlen keine Schande

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