Gedichte und Lieder

Am Freitag war unser Tisch der letzte, der das Mittagessen serviert bekam. Das hieß: zwischen Vorsuppe und Hauptgang war eine recht lange Wartezeit.

Ist man noch neu im Heim, weiß man nicht, dass ein ausgeklügeltes System besteht, nach dem die Tische rotationsweise beliefert werden. So ist jeder Tisch mal der erste und mal der letzte Tisch.

Wenn man so lange warten muss, gibt es unterschiedliche Reaktionen:

„Oh! Jetzt ist sie schon wieder an uns vorbei gegangen!“ 😕

„Wir sind immer die Letzten!“ 😦

„Ich habe Hun-ger!!!!!“ 😡

Die „Alteingesessenen“ wissen, wie der Hase läuft und beschwichtigen:

„Das stimmt nicht! Gestern waren wir die Ersten!“

„Die Ersten werden die Letzten sein“, summt eine Bewohnerin.

Nun war also unser Tisch mal wieder dran mit dem langen Warten. Wenn ich nicht aufpasse, verschwindet Frau M. schon mal, weil sie meint, wir wären schon fertig. Doch dann rufe ich sie meist wieder zurück. 😉

Damit die Wartezeit gefühlt schneller verstrich, hatte ich mir für letzten Freitag etwas überlegt. Ich brachte das Gespräch auf Gedichte.

„Haben Sie eigentlich damals in der Schule Gedichte auswendig lernen müssen?“, fragte ich.

„Aber natürlich!“, klang es aus fast allen Kehlen.

„Und? Können Sie davon noch etwas aufsagen?“

Die Stirnen zogen sich kraus. Es wurde im Gedächtnis gekramt.

„Brauchen Sie ein Stichwort? Einen Anfang?“, fragte ich.

Jetzt legte ich meine Stirn in Denkfalten. 😕

Na ja, ich musste auch ein wenig auswendig lernen, allerdings nicht so viel, wie meine Tischgenossinnen. Aber dann fing ich einfach an:

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,… „

Der Versuch ging ins Leere.

„Wie ist es mit dem Zauberlehrling, meinem Lieblingsgedicht?

Der Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.“

Auch hier tat sich nichts. Ich überlegte. Viele Gedichte wurden ja auch vertont und zu Liedern, und Musik finden die Bewohner immer ganz toll…

„Dann gibt es ja noch das Heidenröslein…“, sagte ich.

DAS ist ein Lied!“, sagte Frau K. ganz resolut.

„Ja, es ist eigentlich ein Gedicht, wurde dann aber vertont“, sagte ich und fing einfach an:

„Sah ein Knab’ ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden, …“

Jetzt ging ein Leuchten über die Gesichter und eifrig sprachen / sangen sie mit. In die letzten Töne des Lieds / Gedichtes mischte sich der Klang des Servierwagens.

Das Essen wurde serviert!

3 Kommentare zu „Gedichte und Lieder

  1. So lässt sich die Wartezeit auf das Essen prima verkürzen. Viele Lieder und Gedichte der Jugendzeit bleiben im Gedächtnis haften. Eigentlich schade, dass dieses „Erbgut“ verloren geht. Ich glaube heute lernt man in der Schule kaum mehr Gedichte, zumindest keine Klassiker mehr.

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